B. Schluss
Beim notwendigen Bemühen, uns in der Welt zu orientieren, halten wir
uns an Markantes.
Fehlt es an Markantem oder was wir dafür halten,
schaffen wir es uns. Wir schaffen es uns, indem wir individuelle
Einzelzüge zum Individuell-Typischen erheben, Einzelpersonen zum
Repräsentativen verallgemeinern.
Diese exemplarische Betrachtungsweise
ist eine problematische Spielart der induktiven Erkenntnisgewinnung:
Sie kürzt den notwendigen Erwerb von Erfahrung ab und kommt so zu
zufälligen oder willkürlichen Generalisierungen und Klassifizierungen,
die eine zweifelhafte Grundlage für ein dann deduktives Herangehen an
Phänomene oder Probleme der Lebenspraxis darstellen.
Eine so erzeugte plakative Weltsicht, die statt des Einzelnen oder
in dem Einzelnen stets das vermeintliche Generelle sieht, ist
unmaßgeblich, unrealistisch und gefährlich. Unmaßgeblich, weil sie nur
mit Kopfinhalten, kaum aber etwas mit der Welt zu tun hat;
unrealistisch, weil sie Welterfahrung ersetzt durch Schablonen;
gefährlich, weil sie das Denken an Stellen ausschaltet, an denen
gedacht (in Erfahrung gebracht, erfragt, hineingehört, verstanden)
werden müsste: in der Begegnung mit Fremdem oder Konkurrierendem.
Wer
denkt abstrakt? Der ungebildete Mensch, nicht der gebildete. Die gute
Gesellschaft denkt darum nicht abstrakt, weil es zu leicht ist, weil es
zu niedrig ist, niedrig nicht dem äußeren Stande nach, nicht aus einem
leeren Vornehmtun, das sich über das wegzusetzen stellt, was es nicht
vermag, sondern wegen der inneren Geringheit der Sache.
(Aus: G. F. W. Hegel (1807), Wer denkt abstrakt? W 2/579)
Abstraktes Denken, so Hegel hier, führt
von der Sache weg,
verdünnisiert die Sache sozusagen.